Unzählige Brücken überspannen die Elbe, nur zwischen Darchau (Ost) und Neu Darchau (West) fehlt eine. Anfangs ist es eine improvisierte Fährverbindung, die Ost und West zusammenbringt. Ehemals getrennte Familien sehen sich wieder, die Menschen besinnen sich auf ihre gemeinsamen Wurzeln. 1993 wechselt die Gemeinde Amt Neuhaus, zu der auch Darchau gehört, zum Land Niedersachsen, zu dem sie historisch gesehen, immer zuzurechnen war.
Aktivist*innen der Anti-Atomkraft-Bewegung kommen mit Bürgerrechtler*innen zusammen. Gemeinsam wird gegen Endlager und Atomkraft protestiert. Beamt*innen aus Niedersachsen bauen neue Verwaltungsstrukturen auf, während die Landwirte im Osten versuchen, ihre Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) in die neue Zeit zu retten. Würde jetzt noch eine Brücke die Elbe überspannen, wäre die Einheit perfekt. Doch die lässt auch 30 Jahre später noch auf sich warten. Und mittlerweile erliegen nicht nur die Radtouristen dem Charme von Tanja: Die kleine Fähre verbindet Ost- und Westufer damals wie heute.
Spätestens seit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 wird die Anti-Atomkraftbewegung in Westdeutschland Teil des politischen Mainstreams. Orte wie Gorleben oder Brokdorf brennen sich in das kollektive Bewußtsein der bundesrepublikanischen Bevölkerung. Im Wendland protestieren Bauern und Kirchenvertreter*innen in seltener Eintracht mit linksautonomen Student*innen.
Mit dem Fall der Mauer erweitert sich das Konfliktfeld auch auf die noch bestehende DDR. Und auch hier verläuft die Annäherung zwischen den Ost- und Westaktivist*innen nicht ohne Reibung.
Trotz des gemeinsamen Ziels sind sich die Mitstreiter*innen über die Formen des Protestes uneins. Im Frühjahr 1990 ist Stendal einer der Brennpunkte des Widerstands. Unter Regie der Treuhand soll hier ein halbfertiges Kernkraftwerk vollendet werden. Es formiert sich Widerstand.
Das Mitleid der Westaktivist*innen mit den Ostvolkspolizisten ist nur eine Randnotiz bei den Geschehnissen rund um das KKW Stendal. Tiefgreifender sind die Gedanken über das Wesen einer gesamtdeutschen Protestkultur.
Und der „normale“ Ost-Bürger? Zwischen Währungsunion, neuer Freiheit, und Existenzsorgen – wieviel Platz hat da der Umweltschutz?
... Das sagen die neuen Niedersachsen der Gemeinde Amt Neuhaus und fordern eine Brücke über die Elbe. „Nicht nötig!“, sagen die alten Niedersachsen auf der Westseite des Flusses und verweisen auf die Fährverbindung zwischen Ost und Westufer. Seit fast 30 Jahren wird über die Brücke diskutiert. Die wichtigsten Argumente hier im Schnelldurchlauf.
Dass eine Brücke mehr ist als nur eine Straßenverbindung über einen Fluss, zeigt sich einige Kilometer weiter südlich. Die Dömitzer Elbbrücke wird 1992 errichtet und gilt als eines der Vorzeigeobjekte der deutschen Einheit.
Und was meinen Sie?
Elbbrücke ja oder nein?
Genießen Sie die folgenden Bilder und denken Sie in Ruhe darüber nach.
Am 30. Juni 1993 wechselt Amt Neuhaus das Bundesland. Aus Mecklenburg-Vorpommern wird Niedersachsen. Historisch betrachtet wird damit eine Entscheidung der Alliierten Besatzungsmächte revidiert. Sie bestimmten in den 1940er Jahren kurzerhand den Flusslauf der Elbe zur Zonengrenze. Pech für die Einwohner*innen der Gemeinde Amt Neuhaus. Da die ehemalig Hannoversche Gemeinde östlich der Elbe liegt, wurde sie ein Teil der DDR.
Warum wechselt Amt Neuhaus zum Bundesland Niedersachsen?
Erdmann Roloff
Ehemaliger Gemeindedirektor Amt Neuhaus
Welche Vorteile versprachen sich die Bewohner*innen von der Rückgliederung?
Erdmann Roloff
Ehemaliger Gemeindedirektor Amt Neuhaus
Wollten die Mecklenburger*innen Amt Neuhaus nicht behalten?
Erdmann Roloff
Ehemaliger Gemeindedirektor Amt Neuhaus
Nun ist der Wechsel in ein anderes Bundesland kein einfacher Schritt. Gemeinderäte, Kreis- und Landtage müssen überzeugt werden. Formal wird die Rückgliederung per Staatsvertrag vollzogen, der über drei Jahre zwischen den Innenministern der Länder verhandelt wird. Teilweise in ungewöhnlicher Umgebung.
Wie wurde die die Rückgliederung gefeiert?
Hans Ebeling
Ehemaliger LPG Direktor, Gemeinderat Amt Neuhaus
Und, hat sich der Übertritt gelohnt?
Kommen Sie mit auf das Sofafloß! Kapitän ist Klaus Lehmann. Museumsleiter, Heimatforscher und Experte der Elbregion rund um Hitzacker. Wir schippern ein wenig auf dem Fluss und nebenbei erfahren Sie Einiges über die Unterschiede der Flußmenschen von Hüben und Drüben.
Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, kurz LPG, sind in der DDR das Rückgrat der Nahrungsmittelversorgung. Vor allem entlang der dünnbesiedelten Elblandschaften prägen die riesigen Äcker und Felder das Leben der Menschen.
Ehemaliger LPG Direktor / Gemeinderat Amt Neuhaus
Welche Herausforderungen brachte die Wende mit sich?
Hans Ebeling
Ehemaliger LPG Direktor / Gemeinderat Amt Neuhaus
Wie haben Sie den Übergang in die freie Marktwirtschaft erlebt?
Hans Ebeling
Ehemaliger LPG Direktor / Gemeinderat Amt Neuhaus
Wenn jemand die Auswirkungen der innerdeutschen Grenze direkt erlebt hat, dann sind es die Bewohner*innen des kleinen Dorfes Rüterberg. Direkt an der Elbe gelegen, ist es von Stacheldraht umgeben. Die Bewohner*innen können zu DDR-Zeiten ihr Dorf nur durch ein Tor gegen Vorlage eines Passierscheins betreten und zwischen 23 und 5 Uhr ist der Ort hermetisch abgeriegelt. Kein Wunder, dass sich die Menschen hier nach Freiheit sehnen. Im November 1989 ist sie zum Greifen nah.
ehemaliger Bürgermeister Rüterberg
Wie nimmt die Dorfgemeinschaft diese Nachricht auf?
Meinhard Schmechel
ehemaliger Bürgermeister Rüterberg
ehemaliger Bürgermeister Rüterberg
Am 8. November 1989 wird aus dem Freiluftgefängnis die erste und einzige Dorfrepublik der DDR. Genau einen Tag, bevor die Mauer fällt.
Als kleiner Ort der Widerständigen geht Rüterberg in die Geschichte der Wende ein. 1991 dürfen die Bewohner die Bezeichnung „Dorfrepublik 1961-1989“ auf ihrem Ortschild führen. Für die Gemeinde erweist sich die Wende als Segen.
ehemaliger Bürgermeister Rüterberg
Auch der Westen entdeckt Rüterberg für sich. Es kommen neue Mitbewohner*innen von „drüben“, Häuser werden gebaut, das Dorf verändert sich. Für den Frieden in der Dorfgemeinschaft sorgt eine besondere Aktion.
ehemaliger Bürgermeister Rüterberg
Die Frage, worin sich Ost und West unterscheiden, beschäftigt seit Jahrzehnten Heerscharen von Expert*innen. Soziolog*innen, Geschichts- und Politikwissenschaftler*innen, Pädagog*innen, Philosoph*innen, Wirtschaftsexpert*innen – keine Professur versäumt es, ihren Debattenbeitrag zu liefern. Selbst für die Mathematik gilt: Null ist nicht Null!
Im Rausch der Wende scheint vieles möglich. Abseits der historischen Realität, die wir heute kennen, gibt es kühne Gesellschaftsentwürfe für das neue Leben in der Freiheit. Es ist müßig heute um die hypothetischen Chancen einer „besseren DDR“ zu spekulieren, doch viele Themen von damals treffen wir heute wieder. Kapitalismuskritik, Umweltschutz und Bürgerbeteiligung sind Dauerbrenner unserer Diskurse.
Welchen Blick hat die Westlinke auf die DDR der Wendezeit?
Wolfgang Ehmke, Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.
Vorreiter Ost –
Wo trafen sich Ost- und Westaktivist*innen?
Wolfgang Ehmke, Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.
Traum kontra Realität –
Welche Reaktionen gab es in der Bevölkerung?
Wolfgang Ehmke, Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.
Und heute?
Wolfgang Ehmke, Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.
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Andreas Feddersen
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KAMERA, SCHNITT & POSTPRODUKTION
Johannes Romeyke
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SCREENDESIGN
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BILDBEARBEITUNG
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BERATUNG
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MEDIENTECHNIK
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FOLIENGRAFIK
Mathias Richter
MEDIENTISCHBAU
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FOLIENGRAFIK
Mathias Richter
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